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Tatort Profilierungssucht

  • Posted on October 17, 2010 at 1:55 pm

Es immer wieder erstaunlich zu welchen skrupellosen Methoden gegriffen wird, wenn es um Werbung geht. In der RTL2 Sendung „Tatort Internet” warnt man davor Fremde anzusprechen, keine Süßigkeiten von ihnen anzunehmen und nicht zu ihnen ins Auto zu steigen. Damit man die „Reportage” etwas reißerischer gestalten kann, bewegt man sich durch Anbahnungschats und schonungloses Draufhalten mit der Kamera beim Anprangern vor Ort noch ein Stück dichter an einer Gesetzesverletzung. Die ersten Klagen wurden schon eingereicht. Kinderschutzorganisationen haben sich auch schon distanziert. Wenn es nicht um die Kinder geht, worum geht es dann?

Vielleicht geht es um eine Verbesserung. Basierend auf der Werbung für die Sendung in der gestrigen Bild-Zeitung kann es das aber nicht sein (ja, die Sendung wird in einer Zeitung beworben, die für ihre züchtigen Fotos bekannt ist). „Tatort Internet” verbindet suggestiv eine nicht direkt ausgesprochene Gefahr, die mit dem Internet verbunden wird. Den Titel halte ich für sehr unglücklich. „Tatort Kinderheim”, „Tatort Wohnzimmer” oder „Tatort (katholische) Kirche” läuft dem Internet sicher den Rang ab. In der Anzeige kommt man aber doch noch auf den Punkt. Die Politik müsse endlich etwas tun, steht dort. Übersetzt heißt das „irgendjemand außer uns soll doch bitte etwas tun”. Das paßt völlig in die Politik des Wegschauens von Frau von der Leyen. Immerhin läßt sich recht leicht warnen. Man stellt ein Schild auf, spricht besagte Warnung aus und lehnt sich selbstgerecht zurück. Prompt kann man sich auf die Schulter klopfen und sich toll fühlen. So einfach funktioniert es aber nicht. Das ist wie mit dem Unterschreiben von Petitionen – es ist bequem, gibt ein gutes Gefühl, vermißt aber den Einsatz und dn Effekt von Menschen, die sich „in echt” hinstellen und etwas bewegen.
„Tatort Internet” scheint eine billige Selbstprofilierungsplattform zu sein. Frau von Guttenberg, Bayerns Dirndlpolizei, verkauft sich dadurch selbst und ihr Buch. Udo Nagel gewinnt dadurch auch PR Karma, paßt perfekt in seine Rolle als Senior Advisor. Es gilt die Sensationsgier der Zuschauer zu befriedigen, Brot und Spiele mal anders. Analysen, konkrete Vorschläge zur Verbesserung der Gesellschaft und Tips für Eltern fehlen. Man will Blut sehen, nicht mehr und nicht weniger. In folgenden Staffeln wird man wahrscheinlich Heroin anbieten und dadurch gewonnene B2B-Kontakte aus der Rauschgiftszene medienwirksam nach einem Interview vor laufender Kamera mit Genickschuß hinrichten. Geschmacklos? Nicht geschmackloser als mit Mißbrauchsopfern PR und Geschäfte zu machen.

Ob ich Hinweise habe? Klar, es gelten dieselben Aussagen, die ich von meinen Großeltern und Eltern mit auf den Weg bekommen habe. Zusätzlich würde ich vorschlagen mit Kindern offen über Gefahren zu reden und sie auch im Internet nicht alleine zu lassen (symbolisch gesprochen). Wer nicht versteht was vorgeht, der/die/das wird auch Gefahren nicht einschätzen können, und da sich der Löwenanteil der Gesellschaft tagtäglich auf E-Mails verläßt, die leicht gefälscht werden können (weil niemand sichere Kommunikation versteht), ist auch die irrationale Angst vor „dem Chat” und „dem Netz” erklärbar. Sensationsgeile Sendungen wie „Tatort Internet” sind da wenig hilfreich. Diese Sendung würde ich mein Kind nicht schauen lassen.

Update: Mittlerweile gibt es auch sehr interessante Artikel beim ehemaligen Nachrichtenmagazin und bei der Süddeutschen. Frau zu Guttenberg nimmt keine öffentlichen Termine mehr wahr seit man die Sendung kritisch hinterfragt. Ob da jemand ausgenutzt wurde, soll sich jeder selbst überlegen.

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